Ich kritisiere nicht, dass Blogger professionell werden, ich kritisiere wie es passiert

Diese Zeilen sind nicht einfach so dahingetippt sondern reifen schon seit einiger Zeit in meinem Kopf. Jeder mit dem ich in der Vergangenheit mal über Blogs in Deutschland gesprochen habe wird das bestätigen können. Und um das vorab gleich ganz klar zu sagen, auch ich wurde in der Vergangenheit als Blogger von Unternehmen kräftig gepudert. Und es kommt sogar noch dicker, als Agenturmensch fördere ich sogar Kampagnen die Marken mit Internetzmenschen zusammenbringen sollen. Darf ich mich nun hinstellen und den ganzen Zirkus kritisieren als ob mir Gras aus den Händen wächst? Ich mache es einfach mal.

Blogger unter Palmen Bloggerrelations Sven Wiesner rant Blogs

Blogger unter Palmen, sponsored by Unternehmen

<Rant>

Mir dreht sich der Magen wenn ich Autoblogger sehe, die von Unternehmen in den sonnigen Süden geflogen werden, um das Kofferraumvolumen eines Neuwagens zu testen. Meine Handfläche hat Sehnsucht nach meiner Stirn wenn mir auf Facebook Techblogger bräsig entgegengrinsen, die auf Kosten großer Unterhaltungselektronikhersteller Urlaub in Wüstenstädten machen. Mir geht die Düse wenn ich Fashionblogger in geschlossenen Facebookgruppen über magere Goodie-Bag-Befüllungen feixen sehe. Nicht, weil ich ihnen das alles nicht gönne. Sondern weil ich es peinlich finde, wie billig sich ausgerechnet die Digitale Avantgarde an Marken verkauft. Während wir unsere Staatsdiener wegen Vorteilsannahme aus dem Amt jagen, verfallen hierzulande reihenweise nicht nur A-Blogger dem organisiertem Lobbyismus von Unternehmen. Der Geschenkeregen ergießt sich mittlerweile bis runter in die C- und D-Bloggerreihen, die Ihr Glück kaum fassen können. Und warum? Weil Unternehmen entdeckt haben, dass deren Blogbeiträge bei Google ab Seite 10 erscheinen wenn man dort “Antirutschsocken” eingibt. Da müssen wir auftauchen! Und die Blogger lassen sich das gefallen, verfallen gar in eine schmierige Erwartungsstarre. Aus der sie nur erwachen, wenn es Smartphones, Bloggerreisen und Einkaufsgutscheine regnet. Diese Entwicklung ist bescheuert!

</Rant> Und jetzt?

Besinnen wir uns doch mal zurück, wozu eigentlich Blogs? Dank der Web 2.0 Technologien kann mittlerweile Jeder seine Leidenschaft für ein Thema veröffentlichen, auch ohne Programmierkenntnisse. Nach eigenen Vorstellungen über Wort, Bild und Form. So entstand eine bunte Alternative zu klassischen Medien. Unabhängig von Werbekunden und verlagspolitischen Beschränkungen. Ich schätze Blogs als unabhängige Medien, die mich weitgehend unvoreingenommen informieren. Ich mag die Köpfe dahinter und die persönliche Handschrift. Das alles ist irgendwie in den Hintergrund geraten. Ich will nicht behaupten, dass alles was in Blogs steht mittlerweile gekauft ist. Wer sich jedoch ein bisschen auskennt wird wie ich in Frage stellen, wie die mittlerweile wirklich perverse Blogger-Betüddelung von Marken mit der Unabhängigkeit von Blogbeiträgen einher geht. In Italien Supersportwagen fahren, in Vegas Gadgets befingern und in Korea Smartphonefabriken angucken. Ich persönlich warte ja noch auf die erste Bloggerkreuzfahrt.

Vergütung ja, aber muss es wirklich so unkreativ sein?

Die meisten Blogger rechtfertigen Ihre gesponserte Weltenbummlerei damit, dass der Betrieb ihres Blogs ja auch Geld kostet und Arbeitszeit bindet. Das gehört vergütet. Hart erarbeitete Reichweite soll irgendwann auch mal Früchte tragen. Logo. Aber bitte erklärt mir doch mal eine Sache: Warum gründen Blogger lieber geschlossene Gruppen um über Kooperationsangebote abzulästern, anstatt den Unternehmen Aktionen vorzuschlagen, die auch in ihren Augen einen Mehrwert haben? Bloggerreisen sind sowas wie ein ausgesprochenes Armutszeugnis geworden, die Einladungen riechen doch so dermaßen nach Praktikantenangstschweiß, dass es jedem aufgeklärtem Internetveröffentlicher sofort hoch kommen müsste. Stattdessen wird brav das Köfferchen gepackt. Nur um nach drei Tagen voller Werbebedröhnung und Vierzehn Stündigem Tagesprogramm festzustellen, dass man eigentlich nur den Flughafen richtig gesehen hat und eigentlich sofort drei weitere Tage Erholungsurlaub bräuchte.

Wir machen uns die Welt widde widde wie sie uns gefällt!

Statt sich weiter unglaubwürdig zu machen sollten Blogger Unternehmen eher dazu ermutigen, mit ihnen zusammen Aktionen mit echtem Mehrwert anzuschieben. Aktionen die beispielsweise durch die gezielte Kooperation einzigartigen Content ermöglichen, einen Mehrwert und Beteiligungsmöglichkeiten für die Leser bieten. Sachen die Spaß machen, wo sich keiner einen abbrechen muss. Die Unternehmen als Enabler, die Blogger als die Leute mit Ideen und kreativen Ansätzen. Was dabei raus kommt wenn man Leute ohne CI-Guideline mal machen lässt zeigt wunderbar dieses Beispiel.

Hemi Ride · KØNIGREICH KLITMØLLER from faust & heisler on Vimeo.

Ein toller Roadmovie, leider / zum Glück ohne kommerzielle Unterstützung. Was erst drin ist wenn eine Marke wie Continental als Möglichmacher auftritt, sich sonst aber mit Werbeblabla im Hintergrund hält, das sieht man anhand dieses Beispiels:

Continental Extreme – Chromjuwelen En Route from Ralf Becker on Vimeo.

Man mag sich denken können wie grundentspannt man als Marketingverantwortlicher sein muss um für so ein Projekt die Töpfe auf zu machen. Ich finde das hat sich gelohnt. Was kommt dabei raus? Die Chromjuweler realisieren mit der Unterstützung eines Reifenherstellers ein Projekt nach ihren eigenen Vorstellungen, die Leserschaft frohlockt und der Werbehebel für’s Unternehmen ist um einiges authentischer angesetzt, als mit einer hingestelzten Aktion nach dem Motto “Auto testen mit Häppchen unter Palmen”.

 

Damit solche Aktionen Schule machen braucht es jedoch die Einmischung der Blogger. Der Anspruch an den eigenen Content muss wieder an erster Stelle stehen. Es braucht mehr Transparenz. Unter jeden Blog-Artikel gehört ein kurzer Disclaimer, der den Leser darüber informiert, ob und was  ein Sponsor für die Berichterstattung hat springen lassen. Ansonsten verkommt die Bezeichnung “BLOG” zu einer hippen Marketingfloskel. Für “Billig Lancierte Offerte Gemacht”.

 

11.02. kleines Update zum Artikel:

Ich wurde nun einige male gefragt ob ich meine dass sich nach dem Artikel was ändert. Das glaube ich nicht, hab jedoch mitbekommen dass der Artikel in vielen geschlossenen Blogger-Gruppen diskutiert wurde, hat die Adressaten also erreicht. Wenn sich nun einer bei der nächsten Kooperationsanfrage daran erinnert ist sicherlich schon viel erreicht. Ansonsten bleibts dabei: Weniger Industriegeblubber, mehr eigener Content und Geschichten in Blogs bittesehr!

 

70 Comments on “Ich kritisiere nicht, dass Blogger professionell werden, ich kritisiere wie es passiert

  1. Pingback: Protokoll vom 09. Februar 2013 « trackback.fritz.de

  2. Ich hab diese Diskussion nun lange verfolgt. Ich habe dazu ohnehin meine eigene Ansichten, die von Sven’s Sichtweise nicht sehr weit entfernt ist

    Interessanterweise kommt KEIN EINZIGER Blogger daher und verweist im Ton der Entrüstung auf einen wirklich frechen, kritischen eigenen Post auf seinem Blog. Warum? Weil kritische Blogger so häufig sind wie ein Waldbrand auf dem Mars. Und genau darum geht es doch.

    Das ist genau der Punkt warum Blogger sich solche Kritik auch gefallen lassen müssen. An dem Tag wo auch nur ein Blogger ein Konsumgut mal ordentlich verreisst, weil es das Produkt – oder der Hersteller – eben verdient, dann sehe ich die Bloggerszene sicher mal mit anderen Augen. Aber da muss auf dem Mars wohl noch viel passieren.

  3. Pingback: 6 KW #Superbowl #Apple #Bloggeria ›› HappyBuddha

  4. Wow viel Feedback und einige ganz spannende Diskussionen rund um den Artikel. Hab mal ein paar Links in ein kleines Update am Ende des Artikels gepackt.

  5. mich ist das bloggen wie ein ventil. ich kann mahr oder weniger mal meinen frust über meinen diabetes raus lassen. ilka, mit der ich zusammen den blog betreibe, noch ein bisschen mehr, weil sie einfach mehr schreibt. wenn ich den artikel so lese, dann frage ich mich warum einige leute bloggen? nur um mal geil urlaub auf kosten der industrie zu machen? wir bloggen doch weil uns etwas interessiert, oder!? weil wir andere leute aufklären, helfen, verstehen wollen … wir blogger, gerade im diabetesbereich, sind auch öfter ein anker für andere diabetiker. die merken, sie sind nicht alleine. es gibt da leute die haben die gleichen probleme.
    sicher haben wir auch macht, dass ist ganz klar. und da geht es nicht um peanuts. aber ich werde doch keine industiehure. ich als blogger habe doch eine verantwortung, z.b. eine insulinpumpe aus meiner sicht zu beurteilen. und wenn mir ein unternehmen da reinreden will, dann bekommt er einfach mal ordentlich was zu hören und er ist raus …

  6. Schon wieder Sommerpause?

    Wo ist das Problem?

    Wo steht das Gesetz, welches besagt das Blogger per se authentisch, tugendhaft, ehrlich oder sonstwas sind?

    Wen interessiert es, ob Unternehmen ihr Geld für Vollidioten aus dem Fenster schmeißen in der Hoffnung irgendwo gelistet zu werden? Gute Produkte finden ihren Weg ins Netz auch ohne Schmiergelder.

    Wenn mich auf der Strasse ein dahergelaufener Spast von irgendeinem Produkt überzeugen will ignoriere ich ihn und gehe weiter. Die Blogspot Jünger dieser Welt sollen in ihrer virtuellen Schmuddelecke doch machen was sie wollen.

  7. Pingback: BloggerArea (3): Blogger Relations - Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht - AKOM360 – Das Agentur-Blog

  8. Pingback: Weber Shandwick Deutschland Blog

  9. Ich habe selber einen kleinen Blog wahrscheinlich bin ich nicht mal ein c Blogger, aber ich liebe mein Blog. Ab und zu habe ich auch die ein oder andere Kooperation, ,meine größte ist mit ernstings Family. Erst vor kurzem war ich auf der Frühling Sommer Moden Show. Dort waren auch andere Blogger und was ich da gehört habe hat mich schockiert. “Wer trägt schon Ernsting’s” “die Sachen sindauch echt zziemlich billig” “die show war echt albern” usw. Die berichtet waren auch zum größten Teil sehr abwertend. Die Blogger alle sehr arrogant und unfreundlich. Ich weiß das die alle auch bald ein testpaket bekommen und keiner von den wird sich freuen. Die Sachen werden dann beim kleiderkreisel verkauft. Ich hab nicht viel Geld und bin sehr bodenständig und schüchtern. Und ich freue mich über alles was man mir schenkt. Und wenn ich sehe wie die A Blogger alles bekommen und mit ihrer Arroganz dann sagen wie scheiße doch alles war/ist, , könnte ich mich echt aufregen. Es gibt so viele kleine Blogs die nicht arrogant und abgehoben sind und die sich wirklich von ganzem Herzen über Kooperation freuen würden. So wie ich, denn meine Freude kommt von Herzen, weil ich mir nicht einfach so eh alles kaufen kann und auch nicht alles in Hintern geschoben bekomm weil ich 2000 leser und mehr hat

  10. Pingback: Protokoll vom 16. Februar 2013 « trackback.fritz.de

  11. Jeder bloggt aus einer anderen Motivation heraus. Man kann die Entwicklung mancher Blogs wirklich bemerkenswert schnell sehen. Es wird, meiner Meinung nach, immer unpersönlicher. Ich blogge seit ich 14 bin, damals gab es nur Texte – Bilder konnte man vergeblich suchen. Alles war persönlicher. Die Blogs hatten eine Geschichte. Seit 2 Jahren blogge ich jetzt wieder aktiv. Das Vorhaben ein “Fashionblogger” zu werden habe ich ganz schnell sein lassen.
    Ich finde es gut, dass du dieses Thema ansprichst. Es regt zum denken an.

  12. Pingback: TRB 317: Lobbyplag, PrivacyMemes, TTIP, Profiblogger, @anneschuessler, Geburtstag « trackback.fritz.de

  13. Gerade den Radiobericht gehört. Stimme dir zu, doch der Punkt, das Unternehmen schon “vorher” fragen sollen und so eine Meinung bekommen wird von den Bloggern leider als “Wieso benutzen die mich als Ideengeber? / Die sollen ihr Brainstorming doch alleine machen! / Also, wenn ich das sage ist es ja auch schon Arbeit!” verstanden und auch so weitergetragen.
    Die meisten Blogger sind mittlerweile einfach zu verwöhnt und, viel zu faul selbst auf eigene Ideen zu kommen oder spannende, einzigartige Sachen zu lesen oder zu erleben. Allerdings ja auch kein Wunder, jeden Tag kommen so viele Pressemitteilungen rein, all die durchzuarbeiten ist schon ein Zeitaufwand!
    Vielleicht wird es besser wenn der Hype endlich wieder vorbei ist!

  14. Eigentlich bin ich vollkommen deiner Meinung, das Problem an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass es für die Firmen einfach ist eine 3 Tagesreise zu buchen, als den Bloggern einfach mal zuzhören, die andere Seite ist natürlich die, die auch du schon erwähnst, die Blogger lesen nur “New York, Vegas und Co.” ;)

    Du glaubst nicht wie oft ich schon versucht habe Firmen anzuschrieben und um kreative Zusammenarbeit gebeten habe, leider geht man darauf nie oder nur sehr sehr selten ein.

    Ich hoffe das diesen Beitrag viele Köpfe der Firmen lesen uns sich einmal Gedanken machen.

  15. Pingback: Mini-Bloggerrelations-Camp | MoMe - Monika Meurer, Graz, Steiermark, Österreich, Muse 2.0, Künstlerin, Inspiration, Kreativität, Performance, Marketing

  16. Ich bin irgendwie zu spät, aber dit passiert mir ja leider häufiger in letzter Zeit. Naja, jedenfalls: Tierischer Protest zu einem Kommentar oben, der den tierischen Protest von Bloggern vermisst: Ich hab mal versucht, kritisch zu bloggen, obwohl noch gar zu sehr verwirrt über die allgemeine “das-ist-alles-einfach-nur-absolut-geil”-Stimmung auf der ITB zu den Bloggerkaufpreisen. Jetzt bin ich runtergekocht, seh klarer (bei so Newbies wie mir möge man mir eine Zeit dafür einräumen) und dank Deines Artikels auch noch ein bissl mehr. Es lebe mein Hirn, scheiß aufs Geld!
    So, und jetzt mach ich weiter. Danke. ;)

  17. Pingback: Perlen der Woche (weekly) » punktefrau

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