Gottschalk Live und die Social Media Anfängerfehler

Mein persönliches Fazit zur ersten Sendung Gottschalk Live: Löblich, dass so viel interaktives Gedöns drin ist, mutiges Format. Aber warum bitte so verdammt steif das Ganze? Warum so lieblos und dröge? Und warum so brutal zerstückelt? Ein kleines Resume mit konkreten Vorschlägen, was bei den nächsten Sendungen besser laufen sollte.

Vorweg, ich habe ja höchsten Respekt vor dem Mann, das muss so sein. Denn als er bereits in “Piratensender Powerplay” spielte und 1987 die erfolgreichste Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen “Wetten, dass..?” von Frank Elstner übernommen hatte, da saß ich noch im Schlafanzug mit meinen Eltern vor dem Fernseher und war seelig über einen Abend länger aufbleiben. Ich denke Jeder hat da seine Thomas Gottschalk-Momente. Das Comeback mit “Gottschalk Live” hat mich interessiert, weil ich mir viel von der versprochenen Social Media Integration versprach. Entsprechend gespannt war ich auf die erste Sendung.

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Foto: ARD Mediathek Screenshot

Gestern Abend nun der Start der neuen Sendung Gottschalk Live, massiv flankiert mit offiziellem Facebook- und Twitter-Kanal, sowie Live-Chat-App. Gottschalk gab sein Intro mit gewohnt kecken Sprüchen. Zur Begrüßung das Versprechen auf eine halbe Happy Hour ohne Euro-Rettungsschirm, ARD Krawatte und Wulff Affäre. Na Gott sei dank, leider fehlte es der ersten Ausgabe auch an jeglichem weiteren Inhalt. Es folgte ein total deplatziertes und ellenlanges Dementi wegen des angeblichen Polen-Cousins in der aktuellen Freizeit Revue. Auch sonst zog sich der rote Ego-Faden durch die Sendung, mit der Entdeckung von Heidi Klum und den Paparazzi Fotos von ihm und seiner Sekretärin.

Quelle: ARD Mediathek Screenshot

Als dann ging es in das benachbarte Büro, dass die Redaktion beherrbergt. Ein beschlippster Mitwirkender ergriff auch gleich die Gelegenheit für einen kecken Spruch. Uns wurde Caro (Ergänzung: Caroline Danz, https://twitter.com/#!/carolumnehttp://carolumne.blogspot.com/) vorgestellt, die das Feedback der Zuschauer aus den Social Media Kanälen betreut. Die erste Aktion war dann eine Verlosung, und zwar der Krawatte von Günther Jauch. Über Twitter:


Nach dieser kurzen Vorstellung endet die bunte Social Media Welt auch gleich wieder, und sollte auch erst zum Ende wieder ihren Weg zurück in die Sendung finden. Da fragt ein Lars über Facebook nämlich, was Interviewgast Bully in der Vergangenheit mal peinlich war. Ja, so kritisch und unbarmherzig kann das Internetz sein!

Quelle: ARD Mediathek Screenshot

Danach gehts zur Presseschau. Was bewegt Deutschland? Gottschalk umschifft den prominent besetzten Zeitungsständer gekonnt und greift statt dessen zur BILD Zeitung, in der über die Zukunft der Ehe zwischen Heidi Klum und Sänger Seal gemutmaßt wird. Aus erster Quelle erfahren wir, dass der Seal ein Netter ist, Aber auch leise und vorsichtig. In einem Punkt ist die Sendung dann doch innovativ, dem Vorbild amerikanischer Klatschnachrichten (zb e! Online) folgend, zieht Gottschalk seine Recherche zu der Klum-Story aus deren Blog und präsentiert auch Seals Tadaa-Reaktion, die er bei Twitter gepostet hat.

Heidi Klum Seal Ehe Gottschalk Line

Quelle: ARD Mediathek Screenshot

So gehts dann auch weiter. Gottschalk floskelt sich krachend durch knapp 25 Minuten zusammeltgestückelte, lauwarme Inhalte. Die eigentlich recht spannende Situation mit Büro am Studio wirkt insgesamt leider ziemlich konstruiert, wie etwa die zufällig rein laufenden Kameramännern, total live alles. Gottschalk in gewohnt flappsiger Art lässt auch keine Gelegenheit aus, den Graben zwischen seiner Generation und den jüngeren Zuschauern noch ein bisschen tiefer zu graben.

Größter Kritikpunkt bei den Zuschauern (ich habe den Onlinestream angeschaut) ist die Werbung! Nach 15 Minuten gibts den ersten Werbeblock, kurz nachdem Gast Michael „Bully“ Herbig begrüßt wurde. Kurz danach wird dann wieder völlig unvermutet mitten im Gespräch das Werbe-Jingle eingeblendet, und es gibt nach 3 Minuten Gespräch einen weiteren Break?! Wow! Erinnert Ihr Euch an die Frage von Facebook-Zuschauer Lars an Gast Bully? Die Antwort wurde leider unterbrochen, von einem weiteren Werbebreak nach 4 Minuten! Danach noch 2 Minuten ganz fix weiter erzählen, noch mal auf die Knie für die Zuschauer morgen und Ende. Kurzum, die Sendung wurde von der Werbung auf ganz brutale Weise kaputtgestückelt.

Schade, ich hätte mir ein bisschen weniger Egoshow und flache Sprüche gewünscht, und hätte Gottschalk aufgrund seines Zweitwohnsitzes USA einen souveräneren Umgang mit Social Media zugetraut! Doch leider war die Integration des Zuschauers via Echtzeitkanäle Facebook und Twitter mal wieder nichts als heiße Luft! Eine flache Frage via Facebook? Ernsthaft? Dabei war weitaus mehr Dampf auf den Kanälen!

Quelle: http://www.facebook.com/GottschalkLive/posts/164912223617785

Das Dumme: Nachdem die Redaktion auf Facebook postete, findet sich in den teilweise über 1.000 Kommentaren der User nicht ein einziger Eintrag der Redaktion! Es wurde also nur was reingeworfen, auf Feedback wurde null reagiert. Das gleiche Bild auf Twitter, @Replies auf Tweets von Zuschauer sucht man vergeblich.

Das Video (http://www.facebook.com/photo.php?v=10150543318489717) dass Gottschalk nach der Sendung von Reportern umlagert am Rechner zeigt, um mit Usern über die Chat-App zu plaudern, wirkt nicht unbedingt authentischer. Die Fragen der User, die im Chat landen, sind hart moderiert, die Antworten fallen kurz angebunden aus. Gezählt habe ich 27 Fragen, für 30 Minuten Chatzeit in Ordnung. Das Ganze hat jedoch leider die inhaltliche Tiefe eines Nichtschwimmerbeckens.

Quelle: http://www.facebook.com/GottschalkLive?sk=app_164573346984897

Jetzt nach der Sendung (es ist jetzt 2:21Uhr) laufen immer noch Kommentare auf der Facebook Fanpage unter http://www.facebook.com/GottschalkLive ein. Moderiert oder gar beantwortet wird da derzeit nichts! Gerade nach der Sendung, wo das meiste Feedback rein kommt, hat das Redaktionsteam Feierabend. Auch auf Twitter rauschen die Tweets mit dem Hashtag #GottschalkLive immer noch rein: http://www.twazzup.com/?q=+%23GottschalkLive&l=all. Der offizielle Account unter https://twitter.com/#!/GottschalkLive schweigt ebenfalls seit 6 Stunden. Kurz, auch hier scheinbar eine krasse Fehlplanung.

Fazit: Die Chance Social Media in eine Live-TV-Sendung wirklich effektiv und vor allem inhaltlich wertvoll zu integrieren wurde im ersten Anlauf wie so oft leider verspielt. Ein Communitymanagement fand praktisch nicht statt, die Masse des Nutzerfeedbacks wurde wohl scheinbar unterschätzt, teilweise bewusst ignoriert.

Was ich bitter vermisst habe sind wirklich innovative Formen der Zuschauereinbindung. Da ist doch deutlich mehr drin als flache Fragen und Schlippsverlosungen! Wo war der eingeblendete Ticker mit ausgesuchten Tweets? Wo waren Live-Kommentare der Redaktion? Die “Redaktion nebenan” Raumsituation lässt doch recht witzige Dialoge zu, wo war da der offenbar witzige Mensch mit der Guttenberg-Frisur? Wo war die Extrakamera für Leute die über den Onlinestream zugeschaut haben? Das Verbesserungspotental ist groß, die bisherige Social Media Nutzung fällt leider lieblos und öde aus!

Ich fürchte fast Gottschalk hat die explosive und oftmals respektlos-offene Art des Internetzes maßlos unterschätzt. Auf seine Reaktion zum Zuschauerfeedback auf allen Kanälen bin ich gespannt!

Weitere Links:

http://www.welt.de/fernsehen/article13830328/Was-Zuschauer-ueber-GottschalkLive-twitterten.html

http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,810960,00.html (recht amüsanter Bericht)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/faz-net-fernsehkritik-gottschalk-live-der-schlauch-von-jauch-11620987.html

http://www.dwdl.de/meinungen/34528/gottschalk_am_vorabend_so_bully_jetzt_zgig/

In Blogs:

http://agentdexter.tumblr.com/post/16359594294/lieber-thomas-gottschalk

http://www.indiskretionehrensache.de/2012/01/gottschalk-live/

http://www.wasmitmedien.de/2012/01/24/der-erste-eindruck-gottschalk-live/

http://medienrauschen.de/2012/01/gottschalk-live-und-das-netz-ist-begeistert/

http://fernsehkritik.tv/blog/2012/01/werbung-live-feat-thomas-gottschalk/

http://www.patrickschneider.net/?p=766

PS: Hier gibts die erste Folge zum nachschauen. Ohne Werbung! http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9336612

Harald Schmidt hat die Gelegenheit am Schopfe gepackt uns ist nun unter https://twitter.com/#!/patfan19801 auf Twitter erreichbar. Mit persönlicher Note!

16 Comments on “Gottschalk Live und die Social Media Anfängerfehler

  1. …sehr schöne Kritik! Rein technisch hätte ich noch anzumerken, dass der Live-Stream im Internet fast nicht anhörbar war, weil der Ton mit sehr, sehr starken “Aliasing”- bzw. “Imaging”-Frequenzen überlagert war. Anfängerfehler, hier war irgend ein SRC (Sample Rate Converter) falsch eingestellt oder an einer Stelle in der Signalkette, wo er nicht hätte sein sollen. Ich fand dieses Geklirre sehr störend.

    Das Signal über DVB-S/-T/-C (48 kHz Samplerate, wie immer) war absolut in Ordnung.

  2. Pingback: Gottschalk Live!, und das Netz ist begeistert. | medienrauschen

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  4. Pingback: Es gottschalkt « weckenblog

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  6. Pingback: NDR - Zapp Blog » Blog Archiv » Die ARD, Gottschalk und das Web 2.0

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